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Jack Vance
Jack Vance Rezensionen
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Jack Vance
DER GALAKTISCHE SPUERHUND
The Galactic Effectuator
aus dem Amerikanischen uebersetzt von Eva Bauche-Eppers
Mit Illustrationen von Johann Peterka
Bastei-Luebbe 23237, 320 Seiten, 12,90 DM

von Carsten Kuhr

Jack Vance ist einer der Autoren, die bei Fans und Profis gleichermassen beliebt ist. Sein Renommee als einer der stilistisch versiertesten Erzaehler des Genres bescherte ihm Meriten zuhauf, auch wenn ihm der ganz grosse wirtschaftliche Erfolg versagt blieb. Die Tatsachen aber, dass seine Buecher immer wieder in liebevoll gestalteten und luxurioes ausgestatteten limitierten Ausgaben aufgelegt werden, und diese hochpreislichen Editionen fast grundsaetzlich vor Erscheinen ausverkauft sind, spricht eine deutliche Sprache.

Vorliegendes Werk vereint zwei Novellen zwischen seinen Buchdeckeln. Bereits 1983 im Rahmen der Knaur ScienceFiction Reihe unter # 5760 veroeffentlicht, legt die Bastei-Luebbe Vance Edition nun erstmals eine ungekuerzte, neu uebertragene Version vor. Eva Bauche-Eppers hat die Herausforderung der Neuuebersetzung mit Bravour gemeistert.

Um was geht es ueberhaupt wollen Sie wissen? Wir begegnen Miro Hetzel, seines Zeichens <Effectuator> . Als Gentleman und interstellarer Detektiv pflegt er einen gehobenen Lebensstil, den er durch erfolgreiche Ermittlungen im Dienste seiner betuchten Klientel bestreitet. Wir begleiten ihn zunaechst im Auftrag eines Konzerns auf einen hinterwaeldlerischen Planeten. Von dort kommen ploetzlich Konkurrenzprodukte, die den ausgepegelten Markt in Unruhe bringen. Miro soll nun ermitteln, wer hinter der unbekannten Firma steckt. Kaum auf Maz angekommen wird er in die Ermordung zweier Aliens verwickelt. Das Puzzle, wer fuer den Mord verantwortlich zeichnet1 und wer die kriegerische Urbevoelkerung zur Fliesbandarbeit missbraucht birgt so manchen unerwartete Wendung und laesst unseren Ermittler mitten in der ungezuegelten Wildniss Maz' stranden.
In der zweiten Novelle wird Miro auf einen ehemaligen Klassenkameraden angesetzt. Diese, ein genialer Chirurg raecht sich fuer alle an ihm vermeindlich begangenen Untaten und Kraenkungen dadurch, dass er seinem Widersacher ein Glied amputiert. Miro soll die verschollenen Beine, Arme, Nasen und Hoden wiederfinden - eine Aufgabe, die all sein Kombinationstalent fordert.

Der Verlagswaschzettel offeriert uns einen Zitat <galaktischen Spuerhund, ein Gentleman und cleverer Trickbetrueger> - nun einen solchen Protagonisten sucht man hier vergebens. Das Attribut Gentleman trifft auf unsere Identifikationsfigur recht gut zu, aber ein Trickbetrueger, das impliziert die Vorstellung eines Mannes, der sich im Rotlichmilieu mit am Rande der Legalitaet angesiedelten Geschaeften so ueber Wasser haelt, und seine Faelle mit Revolver und Whiskey zu loesen pflegt. Miro ist ein andere Typ von Detektiv - mehr ein Sherlock Holmes als ein Philip Marlowe oder Sam Spade, ein Mann des Denkens, weniger ein Mann schlagkraeftiger und wilder Verfolgungsiagten. Was uns Vance insbesondere in der ersten der beiden Novellen an Iddenreichtum offeriert, das ist schon beeindruckend. Aus diesem Fundus an fiktiven ausserirdischen Kulturen, fremder Flora und Fauna sowie exotischer Verhaltes- und Denkweisen wuerden anderer, weniger begabter Angehoeriger der schreibenden Zunft eine gute Handvoll voluminoeser Romane vorlegen, Vance nutzt dieses minutioes ausgearbeitete Bild einer fremden Welt fuer eine einzige Novelle - wohl dem, der ueber einen derartigen Ideenreichtum verfuegen konnte! Im Mittelpunkt seiner Erzaehlung stehen selten actionbetonte Kampfszenen. Statt dessen setzt er auf eher ruhige Toene, offeriert uns intelligente Protagonisten, die mittels ihrer Intelligenz die anstehenden Aufgaben zu bewaeltigen wissen. Auch die sprachliche Ausarbeitung, die auch in der kongenialen UEbersetzung von Eva Bauche-Eppers eine adaequate Umsetzung in die deutsche Sprache fand ist ein Merkmal der Werke Jack Vance's. Insoweit kann man dem ambitionierten Projekt des Bastei-Luebbe Verlages, eine neu und vollstaendig uebersetzte Edition der Werke Vances dem geneigten Leser zu offerieren nur von Herzen alles Gute wuenschen!
 

Kaleidoskop der Welten
(Ports of Call, 1998)
Bergneustadt-Wiedenest, 1998
Edition Andreas Irle
A. d. Amerikanischen von Andreas Irle
Rez: Fantasia131/132
Myron Tany studiert am College der Definierbaren Qualitäten ein Programm, das er seinen Eltern als „Ökologische Fluxion" definiert, aber in Wirklichkeit lauter Kurse beinhaltet, die mit Raumfahrt zu tun haben, denn sein Sinn steht, ganz im Gegensatz zu dem seiner pragmatischen Eltern, nach den Weiten des Alls. Er hat aber Glück, denn seine exzentrische Großtante Dame Hester, bei der er wohnt, hat in einem Prozeß einen Raumkreuzer als Entschädigung erhalten. Und als sie von einem Planeten hört, auf dem es eine Art Jungbrunnen geben soll, kann sie nichts mehr zurückhalten, eine Expedition auszurüsten. Bedauerlicheweise besitzt Myron nicht das nötige Taktgefühl, um mit den gerissenen Männern, die seiner Tante maßlos übertriebene Komplimente machen, gebührend umzugehen, so daß er sich bei einer Zwischenstation unversehens vor die Raumschifftür gesetzt sieht, mit nichts als einer Rückfahrkarte zum Heimatplaneten in der Tasche. Davon läßt er sich jedoch in Hinsicht auf seine raumfahrerischen Pläne nicht entmutigen, sondern heuert auf einem Fracht- und Passagierschiff an, das nun die absonderlichsten Raumhäfen („ports of call") anläuft und die seltsamsten Passagiere an Bord nimmt.
Kaleidoskop der Welten ist wieder ein sehr, sehr typische Vance-Roman (offenbar der erste in einer längeren Reihe): Die Personen, ob begütert oder nicht, ob von hohem Rang oder nicht, achten die Wahrung der Form als das höchste Gut; die distanzierte, hochmütige, elegante Geste gilt ihnen alles. Oftmals klafft eine große Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit, aber die Charaktere belügen nicht nur andere, sondern auch sich selbst selbst mit großem Erfolg. Der arme Myron bildet in seiner hinterwäldlerischen, pragmatischen, realistischen Art die einzige unrühmliche Ausnahme, allen Erziehungsversuchen seiner Großante zum Trotz.
Typisch Vance ist auch das Fehlen eines stringenten Handlungsfadens: Wie das Raumschiff, auf dem er angemustert hat, triftet Myron dahin, den Wechselfällen des Schicksals ergeben, ohne besonderen inneren Antrieb, denn, entgegen seiner anfänglichen Charakterisierung als Mann der Tat ist er doch der Vance’sche Held, der, zufrieden mit sich selbst und seiner Situation, zwar energisch auf Anforderungen von außen reagiert, selten aber von sich aus agiert, nachdem er sein erstes Ziel, den Weltraum, erreicht hat.
Das alles ist in dem typischen verschrobenen und verklausulierten Vance-Stil verfaßt, der erst die Eigenheiten der Charaktere und der Handlung so richtig zum Tragen bringt. Die Übersetzung von Andreas Irle ist, wie alle seine Vance-Arbeiten, eigentlich die einzige adäquate Übertragung von Jack Vance, die es auf Deutsch bisher gibt, weil er sich im Gegensatz zu all seinen Vorgängern erfolgreich bemüht, den umständlichen Satzbau und die ausgefallene Wortwahl des Originals zu bewahren. Kleinere Unsicherheiten in der Übertragung, die hin und wieder auftreten („,Ich nehme an, daß Doktor Maximus nimmt, was der Handel bietet.‘" ist beispielsweise zu wörtlich übertragen, um auf Deutsch noch verständlich zu sein; es soll eigentlich bedeuten, daß der gute Doktor nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage das Maximum dessen verlangt, was der Markt hergibt.), können den positiven Gesamteindruck nicht trüben.
Der Titel allerdings, Kaleidoskop der Welten, klingt zwar gut, ist aber eigentlich schon 1967 von Moewig für die Storysammlung von 1966, The Many Worlds of Magnus Ridolph, vergeben worden.
 

NACHTLICHT (2)
(Night Lamp, 1996)
Edition Andreas Irle, 539 Seiten

Dieses Buch ist in mehrfacher Hinsicht etwas Besonderes: diese solide ausgestattete Sammlerausgabe erschien nahezu zeitgleich mit dem amerikanischen Original. Von vielen Vance-Fans wurde das Buch sehnlich erwartet. Ein Wermutstropfen ist sicherlich der recht hohe Preis. Dafür bekommt der Sammler aber auch etwas Exklusives: diese Ausgabe ist limitiert auf 250 Exemplare, in schwarzes Leinen gebunden, silbern geprägt und mit einem farbigen Schutzumschlag versehen. Außerdem ist dies die erste Vance-Ausgabe bei Irle, die illustriert wurde (von Kerstin Hirte), und das sehr ansprechend. Eine weitere Besonderheit: der Übersetzer hat sich bei seinem deutschen Text bereits an der neuen Rechtschreibung orientiert.
Nachtlicht ist wieder einmal im Gaeanischen Reich angesiedelt und erinnert stilistisch eher an die Vance-Romane der siebziger Jahre (z.B. Alastor-Trilogie) als an die der letzten Zeit. Erzählt wird von Jaro, einem Jungen, der von zwei Forschern vor dem Tode gerettet wurde und bei ihnen auf dem Planeten Gallingale in der Stadt Thanet aufwächst. Doch Jaros Vergangenheit birgt scheinbar ein Geheimnis, denn er kann sich an sechs Jahre seiner Kindheit nicht erinnern. Es treibt ihn hinaus in den Weltraum, um seine Vergangenheit zu erkunden, doch seine Zieheltern lassen ihn nicht gehen, sondern bestehen darauf, daß er zuvor mindestens eine solide Ausbildung erhält.
Vance schafft es ein weiteres Mal, ein hochinteressantes und komplexes Sittengemälde von den gesellschaftlichen Zuständen auf Gallingale zu fabulieren. Fast jeder der Gesellschaft ist Mitglied eines exklusiven Clubs und strebt danach, in den nächsthöheren aufgenommen zu werden. Jaro und seine Eltern bilden eine Ausnahme, und so hat es der Junge nicht leicht, schon gar nicht mit dem anderen Geschlecht. Statt sich in „Betragung" (eine typische Vance-Erfindung: ein Gemisch aus guten Manieren und Höflichkeit) zu üben, arbeitet Jaro in seiner Freizeit im Raumhafen und lernt dort Tawn Maihac kennen, der der Schlüssel zur dunklen Vergangenheit des Jungen ist. Und tatsächlich findet Jaro einiges heraus, was eigentlich im Verborgenen bleiben sollte... – Mehr möchte ich nicht verraten, um nicht die Spannung zu nehmen.
Der Vance-Fan kommt bei diesem Buch voll auf seine Kosten, wer den Autor jedoch nicht kennt, könnte Schwierigkeiten mit dem Stil bekommen. Auf jeden Fall kann man Andreas Irle zur Herausgabe des Romans beglückwünschen.
(Hardy Kettlitz, ALIEN CONTACT 26)
 

(Night Lamp, 1996)
Bergneustadt 1996, Edition Irle
A. d. Amerikanischen von Andreas Irle
Rez: Fantasia 112/113
Hilyer und Althea Fath sind Assistenz-Professoren am Thaneter Institut auf der Welt Gallingale. Jeder Bürger Gallingales gehört der einen oder anderen Verbindung an, hier Club genannt, die über sein gesellschaftliches Prestige entscheidet; einer der angesehendsten sind die Clam Muffins. Abstammung, Manieren und Wohlstand, kurz Betragung genannt, können die Aufnahme in einen höherrangigen Club beeinflussen. Da die Faths es immer vorgezogen haben, ihre Energie den Studien zu widmen, gehören sie keinem einzigen Club an, sind also statuslose Nimps.
Dieser Zustand überträgt sich automatisch auf ihren Ziehson Jaro, den sie bei einer ihrer Studienreisen halbtot auf der Welt Camberwell aufgelesen und mit nach Hause genommen haben. Jaro, der sich um gesellschaftliche Konventionen noch weniger kümmert als Hilyer und Althea, wäre mit sich und seiner Stellung auf der örtlichen Schule zufrieden, gäbe es da nicht die wilde und eigensinnige, aber offenbar doch sehr reizvolle Skirlet Hutsenreiter, die ausgerechnet zu den Clam Muffins gehört. Seine Versuche, sich ihr wider alle gesellschaftlichen Regeln zu nähern, werden von seinen Mitschülern mit Abscheu betrachtet, so daß er als Schmeltzer gebrandmarkt wird.
Zugleich quält ihn aber noch eine andere Sache: Als er auf Camberwell gefunden wurde, stand er unter einem derart schweren Schock, daß er wohl gestorben wäre, hätten ihm nicht drei Doktoren die letzten sechs Jahre seiner Erinnerung geraubt. Das auslösende Ereignis war, wie der Autor verrät, daß er seine Mutter auf ihren eigenen Wunsch mit einer Axt erschlug, um sie vor einer weiteren Folter durch einen gewissen Asrubel von von Urd zu bewahren.
Dennoch meint Jaro bisweilen, eine Stimme in seinem Kopf zu hören, die wie eine verlorene Seele jammert und stöhnt. Diese Erscheinung, die vielleicht auf Telepathie zurückzuführen sein könnte, legt sich zwar, aber dennoch bleibt in Jaro der brennende Wunsch bestehen, die Raumfahrt zu lernen und seine Herkunft zu erforschen, eine Sache, die von den Faths mit größtem Nachdruck hintertrieben wird; selbst als sie unvermutet bei einer Expedition ums Leben kommen, haben sie testamentarisch dafür gesorgt, daß er erst nach seinem Abschluß den Namen des Planeten erfahren soll, auf dem er gefunden wurde. Sie haben jedoch nicht mit dem Erfindungsreichtum von Skirlet gerecht, die nicht umsonst eifrige Studien betrieben hat, um Effektuatorin zu werden.
Jack Vance ist einer der großen alten Männer der amerikanischen Science Fiction. Seine Novelle The Dragon Masters von 1962 gehört beispielsweise zu den Meisterwerken des Genres. In den achtziger und neunziger Jahren ist Vance allerdings – offenbar unter dem Druck des Marktes – dazu übergegangen, umfangreichere Fantasy-Zyklen zu schreiben, was an sich seinem Talent für kurze, farbenprächtige und exotische Science Fiction nicht sehr entsprach. Mit Nachtlicht ist er wieder zu seinen alten Themen zurückgekehrt: der Außenseiter im starren Kastensystem, die Sehnsucht nach der Raumfahrt, der Wunsch nach Rache an einem übermächtigen Gegner. Themen, die er etwa in der Serie um die Demon Princes in drei Bänden in den sechziger und dann wieder in zwei Anfang der achtziger behandelt hat.
Allerdings wird in Nachtlicht deutlicher als in früheren Werken, daß dieses Außenseitertum, das Vance so beharrlich sein ganzes Leben lang beschrieben hat, vielleicht auf eigene Erfahrungen des Autors auf Highschool oder College mit den dort üblichen studentischen Verbindungen zurückgeht. Das Schema, dem auch Jaro unterworfen ist, ähnelt sich in vielen Romanen von Jack Vance, auch in dem weiter oben besprochenen Kaleidoskop der Welten von 1998:
Der Junge verläßt sein Elternhaus zum Zweck des Studiums, kommt bei Verwandten unter und gerät in eine Umgebung, in der Herkunft und Benehmen eine überragende Rolle spielen, so daß er sofort als Außenseiter abgestempelt wird. Sein Bestreben, dazuzugehören, wird aber konterkariert von seiner Weigerung, sich anzupassen und das Spiel der anderen mitzuspielen. Die Verachtung der anderen will er nicht wahrnehmen, er gibt vor, daß sie ihn nicht berührt, und ist damit auf seine Weise ebenso arrogant wie seine Gegenspieler.
Er will den Erfolg nach eigenen Regeln erringen, was ihm dank seiner Intelligenz und seiner Beharrlichkeit auch gelingt. Aber die Anerkennung bleibt aus, im Gegenteil, die Verachtung schlägt nun in Haß um, Haß auf den Spielverderber, der sich nicht an die Regeln halten will. Seine eigentlichen Wünsche nach Reisen und Abenteuer kann er sich nicht erfüllen, so daß er sich ziellos dahintreiben läßt, sein Studium lustlos absolviert und nebenbei jobbt, immer in der Hoffnung, sich doch eines Tages seine Träume wahr werden zu lassen. Sein Leben ist in dieser Phase vollkommen fremdbestimmt, und er reagiert nur auf das, was von außen auf ihn eindringt, von seinen Erziehern, von hübschen Mädchen, von Rivalen und Gegnern. Bis dann ein Ereignis eintritt, das sein Handeln erfordert, so daß er über sich hinauswächst und brachliegende Energien freisetzt.
Der Vance’sche Held ist zwiegespalten, hin- und hergerissen zwischen widerstrebenden Empfindungen, die er oft selbst nicht wahrhaben will: So sehr er es ablehnt, die gesellschaftlichen Spiele mitzumachen, so sehr wünscht er sich doch, dazuzugehören; so passiv er sich dahintreiben läßt, so gerne möchte er doch aktiv sein Schicksal bestimmen. Gerade bei seinen Beziehungen zu Frauen wird das Dilemma besonders deutlich: Er fühlt sich von energischen, gesellschaftlich höherrangigen Mädchen angezogen, sucht ihre Nähe, will sich andererseits aber nichts vergeben und reagiert auf Zurückweisungen noch schroffer als sein Gegenpart.
Diese verborgene innere Zerrissenheit ist es vor allem, die den Vance’schen Protagonisten interessant macht und ihm seine Faszination verleiht. Im vorliegenden Roman kommen diese Züge in Jaros wiedergefundenen Zwillingsbruder noch in verstärktem Maße zum Ausdruck und bilden eine recht bemerkenswerte Charaterstudie, die sich jeder oberflächlichen Einordnung entzieht. All das ist vermutlich von Vance nicht bewußt beabsichtigt, sondern kommt eher aus einem inneren Gefühl heraus, was den Grad an Echtheit noch verstärkt.
Weitere Elemente, die Nachtlicht zu einem der besten jüngeren Werke von Vance machen, sind wie immer die überbordende Phantasie im Erschaffen von Welten, Städten, Kostümen, Riten, Spielen, die skurrilen Einfälle und die farbenprächtige Sprache. Hier ein kleines Zitat von Seite 5/6:
[...] Ein bei weitem ernsteres Vergehen war die Entführung eines Obmannes oder eines Schamanen, mit einer anschließenden Waschung des Körpers und der Kleidung in warmem Seifenwasser, um die heilige Ausströmung zu beseitigen. Nach der Waschung wurde dem Opfer der Bart abgeschnitten und ein Bukett aus weißen Blumen um seine Hoden gebunden, danach war er frei, um zu seinem Stamm zurückzuschleichen, nackt, bartlos, gewaschen und seines Manas beraubt. Das Waschwasser wurde sorgfältig destilliert und ergab schließlich einen Liter gelbes, fettiges, faulig riechendes Zeug, das als Stammesmagie dienen würde.
Im Original:
A far more serious offense was the kidnap of a chief or a shaman, and the washing of him and his clothes in warm soapy water, in order to deplete him of his sacred ooze. After the washing, the victim was shorn of his beard and a bouquet of white flowers was tied to his testicles, after which he was free to slink back to his own tribe: naked, beardless, washed and bereft of mana. The wash water was carefully distilled, finally to yield a quart of yellow unctuous foul-smelling stuff, which would be used in tribal magic.
Wie schon an anderer Stelle aufgeführt, bemüht sich Herausgeber und Übersetzer Andreas Irle nach Kräften, den Stil von Vance adäquat wiederzugeben. Nicht immer gelingt das so ganz nach Wunsch, wie das folgende Zitat von Seite 49 zeigen soll. Darin haben die Faths einen Besucher eingeladen, der über die Musik fremder Welten erzählen soll, während Jaro viel lieber etwas über die Raumfahrt gehört hätte:
[Since the Faths intended an academic career for Jaro in the School of Aesthetic Philosophy, they gingerly encouraged Jaro’s interest in Maihac’s odd instruments, while pretending to ignore the picturesque methods by which they had been obtained.]
Da die Faths eine akademische Laufbahn an der Schule der Ästhetischen Philosophie für Jaro beabsichtigten, lenkten sie sein Interesse sachte auf Maihacs Instrumente, während sie vorgaben die pikturesken Episoden, wie er sie erlangt hatte, zu ignorieren.
Es müßte wohl heißen „Schule für Ästhetische Philosophie"; auf „beabsichtigen" folgt eigentlich ein Infinitiv, so daß „im Sinne hatten" die Sache wohl eher getroffen hätte; statt dem zu positiven „sachte" wäre „zaghaft" besser angebracht gewesen; „pikturesk" soll „pittoresk" sein; „wie er sie erlangt hatte" ist für den Kontext grammatikalisch viel zu umgangssprachlich; und das „sie" in diesem Abschnitt bezieht sich auf die Episoden statt auf die Instrumente. Schließlich muß man aus Jaros Charakter schließen, daß seine Zieheltern vielleicht versuchten, sein „Interesse" zu „lenken", daß es ihnen aber sicherlich nicht gelang; aber das ist schon beim Autor ein wenig schief formuliert.
Um jetzt keinen falschen Eindruck zu erwecken: Von allen bisher bekannten deutschen Vance-Übersetzungen sind die von Andreas Irle allen kleinen Schwächen zum Trotz – die ein guter Lektor leicht hätte beseitigen können – die besten. Jack Vance hat nicht nur die Angewohnheit, viele ausgefallene Wörter in den Text zu mischen, die so obskur sind, daß man sich nicht sicher sein kann, ob er sie nicht selbst erfunden hat („effectuator"; das Verbum „effectuate" ist bekannt und bedeutet „etwas bewirken"), nein, er benutzt auch vielfach vertraute Wendungen bewußt in einem ungewöhnlichen Zusammenhang und einer unüblichen Bedeutung, um – sehr erfolgreich – den Eindruck des Fremdartigen, Gestelzten und Verschrobenen zu erwecken. Und wenn nun Andreas Irle manches so wiedergibt, wie man es auf Deutsch eigentlich nicht sagen würde, trifft er kurioserweise eine Eigenheit des Vance’schen Stils.
Noch ein Wort zum Schutzumschlag: Auf tiefem, glänzendem Schwarz leuchtet wie von fern weißgelb ein Sonnensystem; erst bei näherem Betrachten erkennt man, daß in Dunkelgrau Autor, Titel und Verlag zu lesen sind. „Nachtlicht" ist natürlich der Name des Sonnensystems, auf die am Ende die Handlung kulminiert.
 
 

Planet der Abenteuer
            Die Stadt der Khasch – City of the Khasch (Ü: Leni Sobez)
            Gestrandet auf Tschai – Servants of the Wankh (Ü: Leni Sobez)
            Im Reich der Dirdir – The Dirdir (Ü: Gudrun Faltermeier)
            Im Bann der Pnume – The Pnume (Ü: Gudrun Faltermeier)
Adam Reith, einziger Überlebender eines abgeschossenen Forschungsschiffes, ist auf dem Planeten Tschai gestrandet. Sein Ziel ist es ein geeignetes Fahrzeug zu finden, um wieder zurück zur Erde zu gelangen. Dass dies nicht gar so einfach ist, lassen die 750 Seiten Umfang des Buches erahnen.
Auf Tschai leben fünf Rassen: die Khasch, die Wankh, die Dirdir, die Pnume und die Menschen. Jede der ersten vier Rassen hat im Verlauf ihrer Geschichte Kontakt mit Menschen gehabt und sie für sich nutzbar gemacht, daraus sind Halbrassen entstanden: die Khaschmenschen, Wankhmenschen, Dirdirmenschen und Pnumekin(ensen). Adam Reith trifft auf jede dieser Gruppierungen in mehr oder minder starker Ausprägung. Zunächst einmal macht er Bekanntschaft mit den Emblemmenschen und Traz Onmale, der ihn fortan bei seinen Abenteuern begleitet. Zusammen retten sie später Ankhe at Afram Anacho, den Dirdirmenschen. Traz, der Instinktmensch, und Anacho, der überkultivierte Dirdirmensch, sind zwei Gegenpole, die dem Leser in ihren Gesprächen stets kulturelle Hintergrundinformationen über Tschai liefern. Ganz im Gegensatz zu Reith, dessen Vergangenheit dem Leser vollkommen unbekannt bleibt. Reith will sein Raumschiff wiederfinden, dass vor seinen Augen von den Khasch fortgeschafft wurde. Die kleine Gruppe schließt sich einer Karawane an. Unterwegs befreien sie Ylin-Ylan, die Blume von Cath, aus den Händen eines religiösen Kults und sie schließt sich der Gruppe an. Die Khasch unterteilen sich in drei Völker, die Grünen Khasch, die davon leben, Karawanen zu überfallen, die Alten Khasch, die sehr zurückgezogen leben und die Blauen Khasch, die sehr aggressiv sind und die Menschen mittels Religion im Griff haben. Reith gelingt es eine Rebellion gegen die Blauen Khasch anzuzetteln Am Ende des ersten Bandes muss er aber feststellen, dass sein Raumschiff zerlegt ist und er sich anderweitig nach einer Reisegelegenheit umsehen muss.
Der Auftakt des zweiten Bandes beschreibt in typisch vanceschem Stil eine Schiffsreise nach Cath. Zeit genug wieder über die verschiedenen Sitten und Gebräuche zu sprechen. Eines der Kennzeichen von Tschai sind seine unzähligen Religionen. ... Mir scheint, der Mensch und seine Religion sind ein und dasselbe. Das Unbekannte gibt es. Jeder Mensch projiziert auf die weiße Fläche den Umriß seinen eigenen Weltbildes. Seine Schöpfung bedenkt er mit seinen persönlichen Haltungen und Willensäußerungen. Der religiöse Mensch, der seine Religion auslegt, erklärt im Grunde sich selbst. Widerspricht ihm ein Fanatiker, so fühlt er sich in seiner eigenen Existenz bedroht, und er reagiert sehr heftig. Da hier ein Außenseiter auf verschiedene Kulturen trifft, sind solche Gespräche mit den Vertretern eben dieser Kulturen – Traz und Anacho – und vielen anderen Personen besonders interessant. Der Kunstgriff Vances in dieser Serie ist es, die Kulturen durch den Vertreter selbst zu charakterisieren, in späteren Werken übernimmt diese Funktion oft ein Touristenführer oder das Handbuch der Planeten.
In Cath angelangt hat Reith es mit Wankmenschen und Wankh zu tun. Er findet heraus, dass die Notsignale, auf Grund derer das Forschungsraumschiff ursprünglich entsandt wurde, von hier stammen und wer das Schiff abgeschossen hat. Er versucht ein Schiff der Wankh zu entwenden, scheitert jedoch mit diesem Plan.
Im dritten Band trifft Reith auf die Dirdir, die durch ihre Kontrolle über die Energiezellen und die allgemeingültige Währung – den Sequinen – die wirtschaftlichen Herrscher von Tschai sind. Reith hat sich entschlossen ein Raumschiff bauen zu lassen, aber dazu benötigt er eine nicht unerhebliche Menge Geldes. Nun sind die Dirdir eine hochtechnisierte Rasse, auf der anderen Seite allerdings auch begeis-terte Jäger. So unterhalten sie in der Carabassteppe ein Jagdgebiet, in dem sie begeistert auf Menschenjagd gehen. Und Menschen finden sich dort viele, befinden sich dortselbst doch die Vorkommen der wertvollen Sequinen ... Reith und seine Freunde lassen sich auf dieses Abenteuer ein und schaffen es sich das für den Bau notwendige Geld zu beschaffen. Nun aber müssen entsprechende Leute gefunden werden, die als Mittelsmänner fungieren können, um die für den Bau benötigten Materialien zu beschaffen. In Aila Woudiver findet sich genau so ein Mann, der die Dinge in die Hand nimmt. Da Woudiver einer von Vances typischen Schurken ist, ist Reiths Schiff am Ende des Bandes immer noch nicht fertig gebaut.
Ganz im Gegenteil, findet sich Reith doch zu Beginn des vierten Bandes in der Gewalt der Pnume wieder, den eigentlichen Ureinwohnern von Tschai. Die Pnume leben zurückgezogen in unterirdischen Tunnelsystemen und bauen an einer Art Mu-seum der Geschichte Tschais, dem sie den Erdenmenschen Reith hinzufügen wollen. Hier trifft Reith die Pnumedienerin Zap 210. Interessant ist, wie Vance die Reise durch das dunkle Tunnelsystem meistert, so ganz ohne seine farbenprächtigen Landschaftsbeschreibungen ausspielen zu können. Auch das Aufeinadertreffen von Reith mit den Pnume ihren menschlichen Dienern bleibt nicht ohne Folgen. Und als Reith, zusammen mit Zap 210, wieder an die Oberfläche gelangt will er seinen Plan nun endgültig ausführen ...

Muss man es erwähnen? Wie gewohnt bei Vance, und man bekommt in den letzten Jahren wieder verstärkt Vance-Material in die Hände, ist der Hintergrund des Planeten Tschai farbig gestaltet. Die Namengebung ist genial, die Ideenfülle überwältigend. Die Atmosphäre ist bei jeder Rasse unterschiedlich, jede hat ihre eigene Psychologie, ihre eigene Kultur. Mark Willard führt aus, dass Tschai einer der bestbeschriebenen Planeten der Sciencefiction ist – und wer würde ihm hier nicht recht geben? Die Serie markiert, zusammen mit Durdane, den Übergang in die 70er Jahre, in deren Verlauf Vance in Amerika zum Kultautoren aufstieg. Doch anders als in den meisten Romanen der 70er steht bei Tschai die Handlung im Vordergrund. Auch kommt der Protagonist nicht aus der Kultur selbst, sondern ist ein Außenseiter, der sich in den Kulturen anderer zurechtfinden muss.

Kunst ist heutzutage wohl lediglich eine Frage des Geschmacks und über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, deshalb nur so viel über die Illustrationen von Johann Peterka, die man in den Bastei-Ausgaben findet: mein Geschmack sind sie nicht; außerdem passen sie nach meinem Geschmack nicht zum Stil Vances.
Ich finde nur, dass das Buch zu dick ist, man kann es schlecht halten und wer gern im Bett liest, wird wohl auf Grund dieser Tatsache schneller einschlafen, statt weiterzulesen. Aber diese unverhältnismäßige Dicke war bereits bei Durdane der Fall; demnächst erscheint die Future-History von Heinlein – 990 Seiten ... Dass dies nicht so sein muss, zeigt die Ullstein-Ausgabe von 1985, die mit rund 530 Seiten weit weniger dick ist. Bastei verwendet einen großzügigeren Satzspiegel und ein größeres Papiervolumen, wodurch das Buch aufgebläht und beim Lesen unweigerlich schneller unansehnlich wird. Da wir gerade bei den verschiedenen Auflagen sind: zuvor erschienen die Einzelbände Die Stadt der Khasch, Gestrandet auf Tschai, Im Reich der Dirdir und Im Bann der Pnume zwischen 1977 - 1981 ebenfalls bei Ullstein. Die erste Ausgabe in Deutsch aber erschien als Heftausgabe 1970 bei Moewig, wobei die ersten beiden Bücher unter anderem Titel herauskamen: Planet der gelben Sonne und Die Abenteurer von Tschai und der vierte Band aus unerfindlichen Gründen überhaupt nicht. Diese kurz Historie zeigt, dass Planet der Abenteuer hierzulande gern gelesen wird. In Frankreich und den Niederlanden ist dies noch mehr der Fall. In Frankreich beispielsweise gibt es ein Rollenspiel mit Tschai-Szenarien und Mai ist Le Cycle des Tschai erschienen, dem Auftakt einer auf 8 Bände ausgelegten Comic-Serie.
Andreas Irle

Rhialto der Wunderbare (2)
(Rhialto the Marvellous, 1984)
Edition Andreas Irle, 231 Seiten
Im Jahre 1984 erschien nach Dying Earth (1950) und den beiden Cugel-Büchern das vierte Buch mit Erzählungen von der Sterbenden Erde. Bisher hatte sich dafür in Deutschland kein Verlag gefunden. Andreas Irle, Kleinverleger und Vance-Kenner, hat sich nun des Buches angenommen und es vor einigen Monaten in einer schön ausgestatteten, limitierten Sonderausgabe herausgebracht. Es ist bereits der zweite Band in seiner Edition, als erstes erschien ein in rotes Leinen gebundener Nachdruck der Heyne-Übersetzung von Die sterbende Erde. – Rhialto enthält drei längere Novellen, von denen eine bereits früher in anderer Übersetzung erschienen ist. Die drei Texte „Die Murthe", „Faders Hauch" und „Morreion" erzählen von den Abenteuern und Intrigen der Zauberer auf der Sterbenden Erde. Zwar sind die Texte stimmungsvoll, wie schon die früheren Bücher dieser Reihe – nicht zuletzt durch die wirklich gute Übersetzung von Andreas Irle –, dennoch sind viele Szenen zu lang geraten. Allerdings ist Vance Geschmackssache. Wer seine Fantasy-Bücher mag, wird auch dieses lieben, denn es enthält alles, wofür Vance bekannt geworden ist: witzige Situationen, bösartige Ideen, fremde Kulturen und exotische Schauplätze. – Wer mit Vance’ Fantasy nicht so viel anfangen kann, der kann sich auf den neuesten Roman freuen: Night Lamp (dt. Nachtlicht) ist ein neuer, über 500 Seiten starker SF-Roman, der wieder einmal im Gaeanischen Reich spielt (wie schon die Alastor-Trilogie oder die Dämonenprinzen-Serie). Das Buch erscheint fast zeitgleich in Amerika und in Deutschland, hier in einer einmaligen Sammlerausgabe. Nähere Infos: Edition Andreas Irle, Olper Str. 74, 51702 Bergneustadt-Wiedenest.
(Hardy Kettlitz, ALIEN CONTACT 25)

Rhialto der Wunderbare
(Rhialto the Marvellous, 1984)
Bergneustadt-Wiedenest, 1996
Edition Andreas Irle
A. d. Amerikanischen von Andreas Irle
Rez: Fantasia 112/113
Jack Vances Erzählungen von der Sterbenden Erde gehören zu den schönsten Geschichten, die die Fantasy zu bieten hat. Vance war beeinflußt von C. A. Smith, als er die ersten Geschichten schrieb, die 1950 unter dem Titel The Dying Earth zu einem Quasi-Roman zusammengefaßt wurden.  Vance hat damit nicht nur seinen Meister bei weitem übertroffen, sondern auch auf dem Gebiet der SF (von Fantasy wußte man damals noch nicht viel) etwas völlig Neues geschaffen, das große Aufmerksamkeit und Bewunderung erregte. Der absolute Höhepunkt seines Schaffens war 1966 The Eyes of the Overworld, ebenfalls ein Novellenroman aus der Sterbenden Erde.
Der vorliegende Band aus der Edition Andreas Irle versammelt drei Novellen, "Die Murthe" ("The Murthe"), "Faders Hauch" ("Fader's Waft") und "Morreion" (Morreion"), wobei die zwei erstgenannten aus der amerikanischen Ausgabe Rhialto the Marvellous von Brandywyne Books (1984) stammen, die dritte Novelle dagegen aus Lin Carters Flashing Swords '1 vom Science Fiction Book Club (1973).
Die Erzählungen von Jack Vance zeichnen sich durch eine überschäumende Phantasie aus, mit deren Hilfe der Autor die seltsamsten und wunderlichsten Landschaften, Kreaturen und Geräte erfindet. Durch seinen elaborierten Stil voller kunstvoller Wendungen und ausgefallener Wörter (man nehme nur den Originaltitel der mittleren Erzählung, "Fader's Waft") verleiht er der Illusion Gehalt und Überzeugungskraft. Die eigentliche Würze besteht schließlich in der feinen Ironie, die alle Geschichten durchzieht und sie erst zu dem unnachahmlichen Vance'schen Lesegenuß macht.
Ein besonderer Kniff von Vance besteht darin, isolierte Fakten in den Text einzustreuen, die nicht wirklich dem Zweck dienen, Informationen zu vermitteln, sondern der Erzählung Atmosphäre und Tiefe zu verleihen. Im folgenden Zitat von Seite 5 gibt der Magier Rhialto seinen Faktotum Ladanque gerade Anweisungen, was dieser zu tun habe, wenn Rhialto verreist:
" [...] sonst bekommst Du Ausschlag im Gesicht."
"Gut, mein Herr. Was ist mit dem Clevenger?"
"Beachte es einfach nicht. Gehe nicht in die Nähe des Käfigs. Denke daran, sein Gerede über Jungfrauen und Reichtum ist pure Illusion. Ich bezweifle, ob es die Begriffe überhaupt versteht."
"Wie Ihr meint, Herr."
Rhialto verließ das Landhaus [...]
Das Clevenger kommt weder in den früheren noch in den späteren Absätzen dieses Kapitels vor. Typisch für Vance ist auch, daß er dieses Wesen mit keinem Wort beschreibt, sondern es dem Leser überläßt, sich anhand scheinbar zufälliger Informationen Gedanken darüber zu machen. In seiner wohl berühmtesten und besten Novelle The Dragon Masters (1962), in der die Drachen-Reittiere eine herausragende Rolle spielen, vermeidet er es beispielsweise strikt, außer den Namen und Aktionen der Tiere auch nur die geringste äußerliche Beschreibung abzugeben, was die Vorstellungskraft des Lesers ungemein anregt. Dabei dient ihm der Gebrauch ausgefallener Wörter und geschraubter Wendungen als Mittel der Ironie, insbesondere wenn etwa in The Eyes of the Overworld Cugel the Clever (wie er sich selbst nennt) verbal einen Anschein von Höflichkeit, Bildung und Adel schafft, der im krassen Gegensatz zur profanen Wirklichkeit steht. Deshalb ist gerade bei den besseren Werken von Vance eine getreue Übersetzung sehr wichtig, da ansonsten die Ironie völlig auf der Strecke bleibt.
Hier sei nun erwähnt, daß die Übersetzung von Herausgeber Andreas Irle sehr nah am Originaltext bleibt und daher einen sehr guten eindruck der Vance'schen Sprache vermittelt, ganz im Gegensatz zu fast allen früheren Vance-Übersetzungen (wie etwa der "Morreion"-Übertragung von Lore Straßl aus Flug der Zauberer (Terra Fantasy 21,1973), die Vances fein ziselierte Konstruktionen in gewöhnliches Alltagsdeutsch übertrugen. Wenn also jemand daran denken sollte, sich eine dieser nicht gerade billigen bibliophilen Vance-Raritäten aus der Edition Irle zuzulegen, sollte er darauf achten, sich auf die Übersetzungen des Herausgebers zu beschränken.
Ich habe mir die Mühe gemacht und am Beispiel von "Morreion" das Original und die beiden Übersetzungen herausgesucht, die ich hier in Form der ersten zwei Absätze vorstellen möchte. Der Auszug stammt aus Flashing Swords '1, New York 1973, Dell Books:
The archveult Xexamedes, digging gentian roots in Were Wood, became warm with exertion. He doffed his cloak and returned to work, but the glint of blue scales was noticed by Herark the Harbinger and the diabolist Shrue. Approaching by stealth they leapt forth to confront the creature. Then, flinging a pair of nooses about the supple neck, they held him where he could do no mischief.
After great effort, a hundred threats and as many lunges, twists and charges on the part of Xexamedes, the magicians dragged him to the castle of Ildefonse, where other magicians of the region gathered in high excitement.
Man sieht hier teilweise erfundene Wörter ("archveult"), ausgefallene Wendungen ("doff", "Harbinger"), gekünstelte, teilweise gar schon bürokratisch klingende Konstruktionen ("Approaching by stealh", "on the part of"), daneben aber auch wieder ganz gewöhnliche Formulierungen ("returned to work"). Damit signalisiert Vance nicht nur eine verschrobene, altertümliche Kultur, sondern auch, daß das Ganze nicht so recht ernst zu nehmen ist, dient ihm also als Mittel der Ironie. Das in adäquates Deutsch zu übersetzen ist alles andere als einfach, vor allem deshalb, weil es im Deutschen etwas für "harbinger" zwar sinngemäße Entsprechungen gibt, aber keine die die von Vance angestrebte Wirkung erzeugt. "Harbinger" heißt "Herold", "Künder", "Vorbote", auch "Quartiermeister"; man findet es gelegentlich in der Wendungen wie "harbinger of bad news" (und auf genau das spielt Vance sicherlich an!) – was um Himmels Willen soll man dafür auf Deutsch schreiben, das diese Bedeutungen transportiert?
Hier nun die Übersetzung von Lore Straßl aus Lin Carter: Flug der Zauberer, Rastatt 1976, Pabel Verlag, Terra Fantasy 21:
Dem Erveult Xexamedes wurde es recht warm beim Ausgraben der Enzianwurzeln im Werwald. Er streifte seinen Umhang ab und widmete sich wieder seiner Arbeit. Aber da hatten Herark, der Zauberbote, und der Diabolist Shrue bereits das Schimmern seiner blauen Schuppen bemerkt. Sie schlichen sich heran und warfen je eine Schlinge um den schlanken Hals der ahnungslosen Kreatur.
Nach nicht unbeträchtlicher Anstrengung, hundert Drohungen und heftiger Gegenwehr Xexamedes', zerrten die beiden Magier ihn schließlich zu Ildefonses Burg, wo die anderen Zauberer des Landes sich aufgeregt versammelten.
Manches ist ganz gut getroffen ("streifte seinen Umhang ab"), manches wurde unnötigerweise interpretierend ergänzt ("recht warm" statt einfach "warm" oder "die anderen Zauberer" statt "other magicians"), manches trifft die Sache nur ganz am Rande ("Zauberbote" für "Harbinger"), vieles ist eigenartigerweise einfach weggelassen ("they leapt forth to confront the creature"). Insgesamt klingt Lore Straßls Übersetzung sehr viel profaner als das gestelzte Original, so daß dessen ironischer Eindruck kaum noch spürbar ist.
Nun der gleiche Text von Andreas Irle:
Dem Erzveult Xexamedes, der im Werwald nach Enzianwurzeln grub, wurde ob dieser Tätigkeit warm. Er entledigte sich seines Umhangs und widmete sich wieder seiner Arbeit, aber das Glitzern blauer Schuppen wurde von Herark dem Harbinger und dem Diabolist Shrue bemerkt. Sich verstohlen nähernd sprangen sie vorwärts, um das Geschöpf zu stellen. Dann warfen sie ihm ein Paar Schlingen über den geschmeidigen Hals und hielten es so fest, daß es keinen Schaden anrichten konnte.
Nach großer Mühe, hundert Drohungen und ebensovielen Ausfällen, Drehungen und Angriffen von Seiten Xexamedes', zogen ihn die Magier in die Burg von Ildefonse, wo sich andere Magier der region in großer Aufregung versammelt hatten.
Ich brauche hier gar nicht einzelne Teile zu kommentieren, weil die Sachlage offensichtlich ist: Irle bleibt viel näher am Originaltext, baut die geschraubten Formulierungen von Vance mit adäquatem Deutsch nach (wo Lore Straßl für "doffed his cloak" an sich schon ganz gut "streifte seinen Umhang" schrebit, steigert das Andreas Irle noch mit "entledigte sich seines Umhangs", womit er die gespreizte Förmlcihekit des Vance'schen Stils genau trifft), läßt "Harbinger" unübersetzt (wohl der einzige Ausweg) und vermittelt so einen ziemlich genauen Eindruck der Vance'schen Prosa – so ziemlich die erste deutsche Übersetzung eines Vance-Textes überhaupt, die dazu in der Lage ist!
Einige Feinheiten bleiben aber zwangsläufig bei beiden Übersetzungen auf der Strecke, etwa wenn "Were Wood" mit "Werwald" übertragen wird: Die deutsche Version klingt nach einem allgemeinen Gattungsbegriff, während das Original ganz eindeutig einen Eigennamen bezeichnet. Regelrecht falsch ist bei Irle nur wenig ("dem Diabolist Shrue" hätte wohl "dem Diabolisten Shrue" heißen müssen).
 
 




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Andreas Irle
Stand: August 2001